Orgeln: Die Orla/Ringway RS 600

Ich habe ja früher Orgel gespielt. Nein, nicht die große Kirchenorgel. Eher die Heimorgel, die Hammond-Orgel. Mein Vorbild da war der — leider viel zu früh verstorbene — Klaus Wunderlich. 


Derzeit fristet die Orgel aber hierzulande einen Dornröschenschlaf. Hersteller gibt es zwar, neben den klassischen Rivalen Dr. Böhm und Wersi die aber hier in Preislagen sind, jenseits von „Heim“-Orgeln, sind hier auch Lowrey sowie der italienische Hersteller Orla zu nennen. Roland gibt es zwar auch noch mit seinen Atelier-Orgeln, während Yamaha sich mit seiner Electone Serie vollständig vom europäischen Markt zurückgezogen hat. Als Grund dafür gibt Yamaha an, ihre Serie für den europäischen Markt komplett neu designen zu müssen, aufgrund europäischer Regularien. Dabei würde sich ein zweimanualiges Tyros mit Pedal sicher lohnen. Auf Youtube sind eine ganze Menge solcher Eigenbauten zu sehen. 


Orla hat sein eigenes Orgel-Geschäft zwar mehr oder weniger aufgegeben und zusammen mit dem chinesischen Hersteller Ringway zwei kleine aber feine Orgeln auf den europäischen Markt gebracht. Neben der RS480 EU gibt es seit diesem Jahr auch die RS600 EU. Demnächst soll auch das Spitzenmodell von Ringway, die RS1000 kommen, wahrscheinlich auch als „EU“-Version. 

 

Während die RS480 EU in einem hellen Holzgehäuse mit Stahlfüßen daherkommt, wurde das Gehäuse der RS600 EU in Klavierlackschwarz mit Polyesterfolie überzogen. Beide Instrumente sind vergleichsweise klein in der Tiefe und nehmen damit fast genauso viel Platz weg, wie herkömmliche Keyboards. Beide verfügen über 49 Tasten im Obermanual, 61 Tasten im Untermanual, und 20 (!) Pedale. Manuale und Pedale sind anschlagsdynamisch. Auch die Bedienung ist ähnlich aufgebaut. Beide verfügen über eine Abdeckung, die man aufklappen kann und die dann über die gesamte Breite des Instruments als Notenständer dient.

 

Orlas Arbeit steckt im Zusatz „EU“. Sowohl die Stimmen als auch die Styles wurden von Orla beigesteuert und für den europäischen Markt angepasst. Dazu kommen noch 80 vorgefertigte Registrierungen, die von Paul Carman, dem Chef von Orladirect UK beigesteuert werden. Gerade bei der RS600 EU finden sich hier viele Styles und Voices der Orla Modena. Vorwiegend sind das klassische und traditionelle Styles wie Bigband, Jazz, traditionelle Tänze, lateinamerikanische Standard-Tänze wie Tango und Rhumba, aber auch Techno, Disco in mehreren Varianten, Rap, Trance u.ä. fehlt nicht. In den Voices hat man neben diversen Orgelklängen angefangen bei der Hammondorgel, diverse Theaterorgelklänge, und Kirchenorgel, auch viele Orchester-Klänge, angefangen vom Flügel über diverse Gitarren, Akkordeons, Streicher, Blechbläser, Flöten und Mundharmonika. Dazu noch diverse Synthesizer Sounds. Die RS 480 EU hat noch zusätzlich ein paar typisch chinesische Klänge zu bieten, wie die Pipa, Erhu, GuZheng und Xiao. Auf der RS 600 EU dürften diese Klänge vorhanden sein, aber nicht durch Tasten zugänglich, da auf dieser Taste weitere Orla-Voices zu finden sind. 

Im folgenden gehe ich auf die RS600 EU ein, vieles ist aber auch bei der RS480 EU zu finden. Das Instrument kommt zerlegt daher, der Aufbau geht recht leicht mit einem Kreuzschlitzschraubendreher, für die Bank sollte man auch einen Hammer verwenden. Insgesamt geht der Aufbau recht gut, man sollte dabei aber zu zweit sein. Ansonsten ist die Verarbeitung sehr solide, das Instrument kommt sehr wertig daher. An vielen Stellen ist statt billigem Plastik Metall verbaut, das macht die Orgel stolze 57 kg schwer. Einzig die Verbindung der Pedale mit dem Oberteil wirkt etwas kränklich, da das Kabel, das Pedale mit dem Oberteil verbindet, sehr dünn ist. Mit Hilfe von schwarzem Isolierband ist das aber das geringste Problem. Die Abdeckung ist aus Rauchglasplastik und Metall in stabiler Ausführung. Die Tasten sind mit rotem Filz unterlegt und klappern nicht, alles in allem merkt man nicht das diese Orgel aus chinesischer Fabrikation ist. Eben nicht die chinesische Art des mehr Schein als sein, wie man es sonst bei den Original-Apple-iPhone-Kopien bekommt. 

 

Selbst die Taster und Schalter sind eher gummiartig und haben einen fühlbaren Druckpunkt. Haptisch sehr angenehm. Das LCD-Display ist gut zu lesen, blau beleuchtet. Zwischen beiden Manualen befinden sich 16 Registrierungsspeicher. Dies macht das Umschalten zwischen mehreren Registrierungen einfach. Mit dem Taster „D“ wird zudem verhindert, dass Rhythmuseinstellungen und das Untermanual bzw. Pedal sich verstellt. Das Umschalten der Registrierung lässt sich auch auf den rechten Fußschalter legen. Ein Automatismus, wie es beispielsweise bei den Electone-Modellen von Yamaha gibt ist hier nicht vorgesehen. Das muss aber auch nicht unbedingt sein.

 

Neben den 16 Registrierungen beim Einschalten gibt es vier Bänke zwischen denen man wechseln kann. Vorbelegt sind diese mit den Kategorien „Orgel“, „Combo“, „Orchester“ und „Band“. Diese eignen sich hervorragend als Ausgangspunkt für eigene Experimente. 

Die Lautsprecher sind gut, machen Krach und man hört auch die Bässe. Für die Beschallung eines großen Raumes reicht es nicht, doch dem Heimmusiker dürfte es reichen. 

 

Es stehen 300 Sounds und 250 Styles zur Verfügung, man kann auf jedes Manual und die Pedale 2 Stimmen legen und hat dann noch eine Monophone Stimme zur Verfügung, mit denen man entweder das Ober- oder Untermanual splitten kann. Man kann alle Stimmen aus den 300 Sounds auswählen. 

 

Jeder Style hat zwei Varianten, und je nachdem ob mit einem Dur- oder Moll-Akkord begonnen wird, ändert sich auch das Intro und das Ending. Die Styles sind sehr schön, von der Epic Ballad über den Celtic Waltz, viele BigBand-Styles, einige interessante Country-Styles inklusive Western, etc. 

 

Auch die Pedale lassen sich splitten und mit Anschlagsdynamik versehen. Natürlich lassen sich die Pedalstimmen auch auf das Untermanual holen. 

Mittels Untermanual oder Pedal lassen sich auch Perkussionsinstrumente spielen, die man aus 14 Drumkits wählen kann. Zusätzlich lassen sich Rythmensequenzen abspeichern, was gerade für Medleys interessant ist. 

Auf dem mitgelieferten USB-Stick sind die Registrierungsdaten der 4 Banken noch einmal enthalten und eine neue „Allsorts“, welche zusätzliche Registrierungen mitbringt. Zusätzlich ist es möglich, beliebig viele Registrierungen auf USB zu speichern. Grenzen setzt da nur das Dateisystem FAT32, da die Orgel nur im Stammverzeichnis und nicht in den Ordnern sucht. 

 

Für mich als einziges Manko ist, das das Instrument keinen Audiorecorder hat, sondern nur MIDI-Dateien aufnimmt. Selbst bei dem vergleichsweise niedrigen Preis von 4990 € sollte ein Audiorecorder mit dabei sein, da fast alle Instrumente, auch Keyboards, in diesem Preisbereich einen mitbringen, meist so gar so, dass man zum Playback spielen kann und das aufnehmen. Technisch ist dabei auch nicht viel zu machen, schließlich gibt es solche Audiorecorder auch als Einchip-Lösung, und dürfte die Herstellung nur sehr unwesentlich teurer machen (siehe Artikel über „Reloop Tape“).

 

Mein Modell wurde leider mit einem für das britische (oder chinesische) Stecker geliefert, so musste ich zu einem Adapter greifen, der allerdings beim Spielen und Aufnehmen vernehmbare Geräusche produziert. Nachdem das Tastenzentrum, dem ich hiermit meinen Dank ausspreche das deutsche Netzkabel nachgeliefert hat, knackt und rauscht nichts mehr. 

 

Fazit: Mit der RS480 EU und der RS600 EU gibt es endlich wieder bezahlbare Orgeln für den Einsteiger und ambitionierten Hobbymusiker, der eine richtige zweimanualige Orgel mit Bass-Pedal möchte und kein Keyboard. Die Fokussierung auf traditionelle Voices und Styles ist nicht verkehrt. Von Seiten Orlas merkt man sehr stark die geleistete Arbeit, die Orgeln an den europäischen Raum anzupassen und ihnen einen italienischen Touch zu verpassen. Auch die voreingestellten Registrierungen sind sehr gut. Man setzt sich an das Instrument und spielt. Styles und Voices machen sehr viel Spaß. Größtes Manko ist der fehlende Audiorecorder. der sich sicherlich leicht und kostenneutral einbauen lassen würde, zumal der USB-Anschluss bereits vorhanden ist.

 

Update: 21.03.2018 - Orla hat die RS600 inzwischen von der Webseite genommen. Derzeit gibt es nur die RS1000.