Radikalisierung als Jugendbewegung?

Diese Theorie wurde beim Jahrestag des BKA diskutiert. Natürlich ist das eine Jugendbewegung. 


Ich wurde, wie schon oft erwähnt, in den 80ern sozialisiert, mit Serien wie Knight Rider, A-Team, oder Filmen mit Bud Spencer und Terence Hill. Gewalt als Problemlösung und Überwachung bis ins private hinein waren dort gang und gäbe. Und man muss es so sagen, in der Pubertät sind derlei „Problemlösungen“ normal. In genannten Filmen und Serien ging es natürlich gegen die Bösen, Mörder, Räuber, verbrecherische Organisationen, und ganz wichtig: man (Spencer/Hill, Michael Knight und das A-Team) verteidigte die Wehrlosen. Jugendliche wollen schocken. Die Gesellschaft, ihre Eltern. Die vielbeschworenen 68’er waren genau so. Die Punks in den 80ern. Die Goths in den 90ern. Sie alle wollten ihre aus ihrer Sicht spießigen Eltern schocken. Und nun — Kopfabschneiden als ultimative Provokation. Das mag befremdlich klingen, waren Punks, Goths, und Co. ja eigentlich eher harmlos. Aber machen wir uns nichts vor: auch den 68ern sind gewalttätige Studentenproteste vorausgegangen. Die RAF war auch eine Bewegung, die von jungen Leuten initiiert wurde, die in ihrem pubertären Denken der Meinung war, das richtige zu tun. 


Natürlich findet diese Radikalisierung nicht plötzlich aus heiterem Himmel statt. Und diese Mechanismen sind altbewährt. Ich habe Anfang der 80er mal ein Buch vom Familienministerium herausgegeben bekommen. Dort waren viele Dinge beschrieben, die junge Leute bewegten: Drogen, Erste Liebe und Sex, Sekten, wie die Bhaghwan Sekte etc. Alles sehr offen und ohne erhobenen Zeigefinger beschrieben. Dort wurde auch erklärt, wie Sektenfänger und Drogendealer arbeiten. 

Es gibt meiner Meinung nach fünf Themenfelder, die jeden pubertierenden Jugendlichen betreffen: 

  1. Erste Liebe: Gerade wenn diese zu Bruch geht, ist man untröstlich. Gerade das treibt ja viele Jugendliche in den Suizid.
  2. Probleme mit den Eltern: Vor allem die Eltern nerven, ständig.
  3. Probleme in der Schule / Ausbildung / Arbeit: Wenn man ständig den Spruch „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ hören muss und es manchmal eben doch besser weiss. Oder ständig zu Ohren bekommt, das man eh nichts wird. 
  4. Probleme in der Gesellschaft: Man möchte sich ausprobieren, Grenzen überschreiten, das gibt gerne mal Probleme.
  5. Und zu guter Letzt: Probleme als Migrant: Mit einem ausländischen, vor allem türkischen oder arabischen Namen ist man oft der Loser. 

Und da setzen die Rattenfänger an, egal ob sie vom IS, ob von der NPD/AfD, oder Drogendealer sind: Sie biedern sich an den Jugendlichen an, bieten vermeintliche Lösungen für oben genannte Probleme, bieten dem Jugendlichen Freundschaft und Kameradschaft, sagen ihm: „Du bist nicht allein mit deinem Problem, die andern sind schuld!“. Neu ist nur, das sie eben nicht mehr, wie in der 80ern vorm Schultor und hinterm Bahnhof lauern, sondern sie kommen in die Komfortzone der Jugendlichen: Ins Kinderzimmer. Auf Webseiten oder Sozialen Medien. 


Und am Anfang denken sich Eltern nichts dabei. Schließlich finden sie es ja gut, wenn das Kind sich mehr mit der Religion beschäftigt. Das ist ja Balsam für die konservative Seele. Erst wenn das Kind sich zurückzieht, immer mehr radikale Sprüche von sich gibt oder irgendwann Richtung Syrien abhaut, dann ist es zu spät. Dann ist die Radikalisierung geglückt, und eine De-Radikalisierung funktioniert in den meisten Fällen nicht. Das heisst nicht, das man es nicht versuchen soll. Gerade Religioten halten sich gerne für den einzigen Besitzer der Wahrheit.