Über den Tellerrant: Yamaha Electone ELC-02

"Über den Telllerrant" ist eine neue Rubrik, in welcher ich neue oder ältere Orgeln vorstelle und ein wenig 'rumrante. 

 

Den Anfang macht die ELC-02 von Yamaha. Viel Spaß beim Lesen.


Vor einiger Zeit habe ich ein Photo einer neuen Electone von Yamaha gesehen und hier als Blogeintrag gepostet. 

 

Nun habe ich auf den Seiten von Yamaha Asia, Afrika und Mittelamerika mal mehr Informationen gesehen.

 

Und die lesen sich gut, zuerst mal die Technik:

 

Fast 1000 Voices, zum größten Teil editierbar, ca. 640 Rhythmen und Styles, bis zu fünf Registrierbänke mit jeweils 16 Registrierungen, natürlich alles auf USB speicherbar, Rhythmen und Styles können sowohl beliebig bearbeitet werden oder von Grund auf neu eingespielt werden, auch lassen sich alle möglichen Yamaha-Styles (z.B. vom Tyros) auch nachladen. Beide Manuale bringen sowohl Anschlagsdynamik als auch programmierbares After-Touch mit, sind aber leider nur  jeweils 49 Tasten. Ganz ehrlich: Mir würde es reichen. 61, 76 oder gar 88 Tasten benötigt man meiner Meinung nach nur, wenn man entweder nur ein Manual hat oder klassische Klaviermusik spielt. Dafür allerdings würde ich mir keine Orgel kaufen. Ich mag mindestens zwei Manuale. 

 

Es gibt je Manual zwei polyphone Stimmen, zwei monophone Leadstimmen, von der eine auf das Untermanual gelegt werden kann, die andere kann über die Solo-Funktion alle anderen Stimmen auf dem Obermanual ausblenden und ist so eine echte Solistenstimme. Dazu gibt es zwei Pedal-Stimmen die sowohl monophon als auch polyphon gespielt werden können. 

 

Über 100 Effekte (vom Reverb über Distortion bis hin zu verschiedenen Leslies), ein eigener Orgelbereich mit virtuellen Zugriegeln in drei Ausfertigungen: Sinus, Vintage (eine Art Dirty Hammond) und Europäisch (Transistor-Orgel). 

 

Sowohl Midi- als auch Audio kann aufgenommen werden. Über WiFi ist ebenfalls eine Verbindung mit dem Internet möglich und damit können zahlreiche Apps von Yamaha genutzt werden. Für Sehgeschädigte Anwender gibt es einen Sprachguide, der die Einstellungen vorliest. 

 

Also allein von den technischen Daten ist das schon mal meine persönliche Traumorgel. Dazu ist das Teil portabel, und wer schon das Vorläufermodell, DDK7, besitzt, benötigt nur die Keyboardeinheit, den Rest kann er weiter benutzen. Alles kann zerlegt und bequem transportiert werden. 

 

Wie hört sie sich an? Bei Youtube gibt es nur relativ wenig Material, aber das was da ist, klingt schon mal gut. Yamahas Electone sind bei Kennern sehr beliebt und kaum einer würde seine Electone freiwillig abgeben. Ich vermute, das eine Menge Technik aus dem Yamaha Tyros verbaut ist, sowie Voices (insbesondere die Super-Articulation Voices aus dem Tyros) als auch Styles. Daher bin ich sicher, das hier eine hohe Qualität herrscht. Außerdem kann man sich schon bei Marco Cerbella, einem wahren Meister auf Yamaha-Orgeln, anhören, wie die Electones klingen. 

 

Und kommen wir nun mal zum Preis: In Japan kostet die Orgel, die alles beinhaltet, Ständer, Lautsprecher, Bank und Pedaleinheit mit 20 Pedalen gerade mal umgerechnet 4400 €. Leider wird die Orgel, trotzdem dass einige Styles auch für Schlager, Mallorca-Stimmungslieder und Volksmusik eingebaut sind, nicht in Europa angeboten. Man kann, wie der Schweizer Electone-Spieler Marco Cerbella, die Orgel über einen Grauimporteur wie Tarotrade auch nach Deutschland holen, ich vermute mal das würde alles in allem 1000 € kosten. Das Hauptmodul kommt mit einem Schaltnetzteil, das 240 Volt aushält, allerdings benötigen die Speaker einen Spannungswandler auf 110 V, was zusätzlich mit 80 € zu Buche schlägt. Also 5480 € für eine Top-Orgel, die in Teilen sogar mehr zu bieten hat als die RS 1000 E!

 

So, und nun kommt mein Rant: Klar ich mag meine RS 1000 E. Eine tolle Orgel mit tollen Voices, tollen Styles und einfacher Bedienung. Aber diese Orgel kostet (ich habe sie durch die 100% Inzahlungnahme durch das Tastenzentrum und Einführungspreis und Zusatzrabatte günstig bekommen) im Normalfall 13.000 € und ist das Flaggschiff von Ringway/Orla. Da kann man wohl erwarten, das diese Orgel alles kann was die Orla Modena (Flaggschiff von 2013) und selbst Keyboards für 300 € können. Aber leider kann sie es nicht: Während die Modena bspw. externe Styles lesen und verarbeiten kann, und selbst beim Fame G2000 (299€ beim MusicStore) ein Style-Editor vorhanden ist, lassen sich bei der RS 1000 maximal die Stimmen der Begleitung sowie die Drumsets ändern. 

 

Von Zugriegeln ganz zu schweigen. 

 

Derzeit reichen mir die Styles soweit aus, aber wenn ich bestimmte Signature-Styles, d.H. ein Rhythmus der speziell für ein bestimmtes Stück ist, müsste ich den BK7m anschmeißen. Ich bin der Ansicht, das man an einer 13.000€ Orgel nicht unbedingt ein 700 € Modul anschliessen muss, um die Schwächen zu kaschieren. 

 

Mal im Hinterkopf: Eine neue Wersi Sonic (Sonic 500) kostet 14.000 € und bietet neben echten Zugriegeln auch die Möglichkeit beliebiger Erweiterung von Styles und Voices. 

 

Ich denke gerade Orla UK und Ringway sollten da noch mal überarbeiten und im nächsten Update auch wirklich neue Features liefern, beispielsweise: 

 

  1. Styles einlesen und nutzen (Das Yamaha-Format ist faktisch eine Mididatei mit verschiedenen Markern für Intro, Main parts und Ending, und kann von der RS 1000 gelesen werden, die Marker werden aber nicht verarbeitet). Ich denke mal, das die von Orla eingespielten Styles auch im Yamaha-Format sind. Fun Fact: Die RS 600 konnte Dateien mit der Endung „.sty“ erkennen (aber nicht spielen), die RS 1000 blendet diese Dateien einfach aus.  
  2. Virtual Drawbars wären nicht schlecht. Mit Tricks muss man das nicht, schadet aber auch nicht. 
  3. Der Ethernetanschluss könnte mal eine Funktion bekommen. Bislang ist er einfach nur da, und es gibt auch einen Webserver (Apache), aber er wird nicht genutzt. Selbst für ein einfaches Update muss die Orgel zum Hersteller zurück, obwohl sie eine Updatefunktion hat. 
  4. 4.) Die Gesamt-Transponierfunktion sollte in die Registrierung (abschaltbar), eine Möglichkeit, die auch die ELC-02 nicht bietet. 

Meine Vermutung ist, das Ringway einen großen Teil Yamaha Technik nutzt, und daher es relativ einfach wäre, meine Wünsche zu realisieren. 

 

Mein Fazit: Würde Yamaha diese Orgel wieder in Europa verkaufen, zu o.a. Preis, mit Garantie, denke ich die ganzen Big-Tyros-Bauer (Ein Tyros mit zwei Manualen und Pedal) und viele andere würden zuschlagen. Und es wäre endlich einmal wieder ernst zu nehmende Konkurrenz für Wersi und Dr. Böhm/Keyswerk. Und selbst Orla und Lowrey wie auch BeMore müssten was dagegen anbieten. Was es dann dem Einsteiger und auch gerade Jugendlichen einfach macht, einen Einstieg zu finden. Nicht zu vergessen die ganzen Entertainer, die von der Orgel auf den Tyros gewechselt sind.