Über den Tellerrand: Böhm SEMPRA

Ich muss sagen, für mich war Böhm immer die Nummer 2 der deutschen Orgelbauer (E-Orgel). Was meiner Meinung daran lag, das Wersi einfach die deutschen Stars an der Orgel hatte: Franz Lambert, Ady Zehnpfennig (der am Anfang auch für Böhm tätig war) und natürlich den Meister persönlich: Klaus Wunderlich.


Auch heute noch hat Wersi mit Robert Bartha, der zwar auch andere Marken spielt, und Claudia Hirschfeld die bekanntesten Gesichter. 

 

Für mich kamen die letzten Orgeln der Firma auch immer recht altbacken daher, mit Monochrom-Display und einer Oberfläche, die mich persönlich an GEM (eine der ersten grafischen Oberflächen, bekannt vom Atari ST) erinnert haben.

Nun, das hat sich seit diesem Jahr geändert. Anfang des Jahres hat Keyswerk, die Firma hinter der Marke Dr. Böhm, ein neue Orgelgeneration, die SEMPRA vorgestellt. Und bei der Entwicklung wurde vorrangig an Musiker gedacht, die damit entweder jeden Tag auf der Bühne stehen, oder im Studio den neuesten Hit aufnehmen.

 

Zuerst einmal wurde kein handelsübliches PC-System mit Windows oder Linux eingesetzt. Stattdessen ein Prozessor für die Echtzeitverarbeitung, den man meist in der Industrie und Telekommunikation verwendet. Das Betriebssystem wurde auf diesen Prozessor zugeschnitten und ist eine komplette Eigenentwicklung. 

 

Das Touch-Display ist jetzt zwar kleiner als bei der Konkurrenz, 9“, statt bis zu 15“ bei Bemore Genesis, löst aber — nach den Fotos zu Urteilen — sehr hoch auf, wie beim iPhone Retina. 

 

Laut Keyswerk startet die SEMPRA in 5 Sekunden. Das wäre schneller als so ziemlich jedes moderne elektronische Instrument. Selbst die Ringway RS 1000 benötigt mindestens eine halbe Minute. 

 

Einer der — meiner Meinung nach — grandiosesten Ideen sind die so genannten 3D-Presets. Dabei werden die Global-Presets (Registrierungen) in so genannten Songs zusammengefasst. Jeder Song enthält bis zu 6 Presets. Das reicht für ein Lied auch vollkommen aus. Jeder Preset wird einem Liedteil, Strophe 1 + 2, Intro, Ende, Refrain und Bridge zugeordnet.

 

Das kommt meiner Spielweise schon sehr entgegen. Auf der RS 1000 baue ich mir auf dem USB-Stick ein Song = eine Registrierungsdatei. 

 

Jeder Song kann dann nach Thema, Genre, etc. abgelegt werden. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit so genannte Alben anzulegen und Songs darunter zu speichern. Gerade wenn man auftritt, hat man da die geplanten Lieder direkt im Zugriff. Leider kann ein Album nur sechs Songs speichern, man kann aber seinen Auftritt so auch aufteilen. Zum Beispiel sechs Songs beim 1. Drittel dann Pause, dann das zweite Drittel, wieder eine Pause und danach das dritte Drittel mit sechs Songs. Danach vielleicht noch sechs Songs vorbereiten als Zugabe. 

 

Man kann bis zu 64x64 also 4096 Songs als User-Songs erstellen. Davon unabhängig ist eine Werksliste mit 900+ Songs bereits eingestellt. 

 

In der Begleitungssektion gibt es neben der Möglichkeit bis zu 1024 User-Styles im Yamaha-Format (Tyros 5 max.) einzuladen. Dazu gibt es umfangreiche Bearbeitungsmöglichkeiten der vorhandenen Styles und aller neu geladenen mit dem Easy Style Creator. 

 

Dazu gibt es auch die Möglichkeit, in Midi-Files Marker zu setzen und diese Marker den entsprechenden Style-Tasten zuzuordnen. Natürlich können diese Midi-Files auch uminstrumentiert werden. 

 

Die Sound-Sektion enthält neben 1.500 Sounds aus nahezu allen Bereichen, und mit dem REAL ORGAN Modul die Möglichkeit, die Spezifika fast jeder elektrischen und elektronischen Orgel nachzuahmen. Neben der Original Hammond kann man auch die  Transistor-Orgeln von Böhm mit bis zu 12 Zugriegeln aus der Professional-Ära naturgetreu spielen. Neben den echten Zugriegeln kann man die Einstellungen auch am Display ändern — mit blitzschneller Reaktionszeit.

 

Als netter Nebeneffekt kann man jetzt auch Benutzerkonten anlegen. Das heißt, erstens kann jeder in der Familie mit seinen persönlichen Einstellungen spielen. Zweitens kann man das Benutzerkonto auch auf einen Stick laden, und von dort auf jeder anderen SEMPRA Orgel spielen. Interessant wäre es nur zu wissen, was passiert wenn man ein Benutzerkonto von einer dreimanualigen SE 60 auf einer zweimanualigen SE 20 lädt. 

 

Noch ein herausragendes Feature: Solochord. Auf anderen Orgeln heisst es Melody On Chord, Wersichord, Harmonizer. Was heißt: wenn ich mit einem Finger der rechten Hand die Melodie spiele und mit der linken einen Akkord greife, wird die Melodie um einen oder mehrere Töne erweitert, im Sinne einer Harmonie (mit zwei oder drei Tönen in verschiedenen Ausprägungen). 

 

Normalerweise greift diese Funktion auf einen Part. Bei der SEMPRA kann man diese Funktion nicht nur auf einen eigenen Part legen, sondern gleichzeitig mit verschiedenen Ausprägungen (Duo, Trio, etc., insgesamt 24 (!) Typen) auf jeden einzelnen Part. 

 

Statt zwei Parts plus zwei Lead-Stimmen (monophon) wie auf der RS 1000 kann man auf der SE20 vier (!) Parts pro Manual einsetzen, die man auch beliebig splitten und auch übereinander legen kann. Dazu kommt noch das eigene Sinus aus dem REAL ORGAN und ein eigener Solochord Part. Und man kann die Soundausgabe einer beliebigen Midi-Quelle auf einen eigenen Part legen.

 

Natürlich kann man auch ein zweites AMADEUS Soundmodul einbauen und hat so die doppelte Anzahl Parts. 

Auch bezüglich Erweiterbarkeit: Man kann derzeit jede vorhandene einigermaßen aktuelle Böhmorgel ab der Diamant-Serie in eine SEMPRA umbauen lassen. Das ist der große Vorteil eines relativ offenen Systems.

 

Derzeit stellt sich also meiner Meinung nach die Situation zwischen Wersi und Böhm wie Microsoft und Apple im Jahr 1999 - 2001. Zur Erinnerung: damals hatte Microsoft das quasi Monopol, und Apple spielte nur noch unter ferner liefen. Dann machte Apple eine komplette Verjüngerungskur mit dem iMac, dem iBook, dem iPod und natürlich kam Mac OS X.

 

Genau das passiert gerade bei Böhm. Mit der SEMPRA leitet Böhm ein neues Zeitalter ein. Sicher: derzeit ist das System noch neu, und auch noch nicht alle Features sind implementiert. Doch bin ich mir ziemlich sicher, das Keyswerk schneller reagieren wird als es Orla derzeit bei ihrem Flagship-Modell RS 1000 E praktiziert.

 

Und das finde ich gut, denn es kann hier immer nur Gewinner geben, wenn sich die Hersteller nicht auf den Lorbeeren vergangener Zeiten ausruhen.