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Ich habe gelesen: Der Klügere denkt nach

von Martin Wehrle. 


Ich habe dieses Video gesehen und mich sofort wiedererkannt. Und aus Neugier habe ich dann das Buch gekauft. 

 

Ich habe ja schon in einigen Blogbeiträgen gesagt, das ich ein introvertierter Mensch bin. Das geht soweit, das ich mich bei sozialen Interaktionen gehemmt fühle. Ausser, ich kenne meine Gesprächspartner länger als ein paar Stunden. 

 

Im Buch ist ein Test mit fünfzehn Fragen, die auf Introvertiertheit abzielen und fünfzehn Fragen die Hochsensibilität erkennen sollen. Dreimal dürft ihr raten, wie es bei mir aussieht. Um es kurz zu machen: Ich bin introvertiert und hochsensibel. Wer das Buch hat und den Test macht wird wissen, das 75 Punkte bei Introversion und 73 Punkte bei Hochsensibilität eine deutliche Sprache sprechen. 

 

In unserer Welt der Schreihälse, Brüllaffen und Selbstvermarkter gehöre ich zu denen, die ihre Energie aus dem Inneren beziehen und ich gehöre zu den 15 - 20% an Menschen die unter ständiger Reizüberflutung leiden (Hochsensibilität). 

 

Mein Vater besaß eine Gesenkschmiede, und das Wohnhaus war direkt daneben. Jeden Morgen ab 7 Uhr hämmerten die großen Fallhämmer los und machten einen Irsinnskrach. So ging es bis zu meinem siebten Lebensjahr. Ich habe Lärm immer gehasst. Wie Reinhard Mey, der gegen das ständige Rasenmähen in seinem Feriendomizil vorging. Ich hatte damals ein Hörspiel auf Langspielplatte (ja, so alt bin ich). Da gab es eine Stelle wo es ganz plötzlich laut wurde. Ich habe die Platte immer versucht über diese Stelle zu springen. Gut, irgendwann war da ein Sprung auf der Platte.

 

Und noch heute mag ich plötzliche, laute Geräusche nicht. Genauso wie Parties. Wir haben ja bei White Sheep immer eine Weihnachtsfeier gemacht. Freitags haben wir uns im KaDeWe getroffen und ich war glücklich wenn ich dann endlich im Hotelzimmer war und meinen eigenen Gedanken nachgehen konnte. Auch wenn ich beim Kunden war, war ich am liebsten nach der Arbeit für mich. Ich bin am besten, wenn ich allein bin. Ganz allein. 

 

Viele denken, das man doch einsam ist, und unter Leute muss, doch ich komme mit mir selber bestens klar. Als Jugendlicher habe ich am liebsten im Herbst oder Winter vor der Heizung gelegen, ein Buch gelesen und dabei Hörspiele oder Musik gehört. 

Wenn meine Kollegen dann nachts noch raus wollten, war ich immer derjenige, der lieber im Hotel für sich war und die Batterien wieder auflädt. Die meisten Wochenenden sind bei mir, wie ich auch in meinem „Zufriedenheitsprinzip“ andeute, eben nicht von Action geprägt. Meist ist es so, samstags schlafe ich aus, gehe mit den Hunden raus und dann wird gegessen. Vor Corona haben wir öfter noch einen Abstecher nach Köln gemacht, jetzt bleiben wir zu Hause. Sonntags läuft das genauso. Manchmal drehe ich noch ein Video. Oder lese. Oder programmiere. Oder schreibe. Egal.  Die meisten introvertierten Menschen leiden nicht unter FOMO. Der ‚Fear of missing out‘, also der Angst etwas zu verpassen. Das ist eher so ein Extrovertiertending. 

 

Derzeit ist noch die Zeit der Lautsprecher. Wie Trump beispielsweise. Dafür lieben ihn die Amis. Und dafür wird er wieder gewählt. Das ist das was die Leute an der Merkel hassen. Das sie ruhig und introvertiert ist. Klar die meisten wollen einen harten Hund, der laut sagt, was er will. Das die meisten Lautsprecher eben nur eins können: reden; aber ansonsten ist da keine Substanz. Oder wollen Sie allen Ernstes Desinfektionsmittel saufen wie der derzeit amtierende Präsident der Vereinigten Staaten? Gut, tun Sie sich keinen Zwang an. 

 

Wie jeder hochsensible Mensch, kann ich Stimmungen spüren, das funktionierte sogar soweit, das ich wusste was meine damalige Partnerin, die einzige die es geschafft hatte, das ich sie wirklich mit meinem Herzen liebte, im nächsten Augenblick dachte. Ich habe sie teilweise so nahe an mich herankommen lassen, das sie all meine Schwächen und meine Probleme kannte. Und ich ihre. Und das nutzte sie manchmal aus, das sie mich zur Weißglut trieb. Aber sie forderte mich. So das ich manchmal stärker war. Besser vorbereitet. Mehr wollte. Sie holte in einigen Bereichen das Beste aus mir raus, und ich muss sagen, das fehlt mir heute. Es ist wie in dem Lied: "To All the Girls I Loved Before", in der Zeile: "To all the girls, who shared my life, who now are someone elses wives…"

 

Deshalb bin ich heute abgestumpft. Das habe ich nach der Lektüre dieses Buches herausgefunden. Ich bin sicher, man kann auch als Hochsensibler abstumpfen. Irgendwann ist es eben gut. Natürlich spüre ich immer noch, wenn schlechtes Klima herrscht, wenn Leute die Stimmung vergiften. Und ich gehe raus, wenn ein Film zu spannend oder zu laut wird. 

 

Deshalb mag ich ja im Homeoffice zu arbeiten. Allerdings passt mir auch das Klima im Büro in D’dorf. 

 

Gut, das ist jetzt viel von mir, aber das Buch und das Video haben davon viel getriggert. 

 

Das Schöne ist, das Herr Wehrle nicht versucht den Introvertierten krampfhaft auf extrovertiert zu trimmen. Das geht nicht, obwohl es viele versuchen. Natürlich, für die lautsprechenden Schwätzer ist es einfach zu sagen: Dann geh doch mal aus dir raus! Was wäre, wenn man von jedem Schwätzer erst einmal verlangen würde, doch einfach mal ruhig zu sein. Sie zwingen, ein Wochenende mal in einer einsamen Hütte ohne WLAN und Handyempfang zu verbringen.

 

Stattdessen gibt es Tipps, wie man Schwätzern den Wind aus den Segeln nimmt, bei Beziehungen die richtigen ersten Worte findet und auch Reden halten kann. Kurz: Welche Stärken gerade Introvertierte und Hochsensible haben und das sie diese Stärken für sich nutzbar machen. 

 

Fazit: Ein Buch für Introvertierte, die lernen wollen gekonnt mit ihren Stärken umzugehen, und Extrovertierte, die verstehen wollen, wie der ruhige Kollege oder Partner so tickt. Empfehlenswert.